Wissen um Faszien: Rückenschmerzen? Ein verkürzter Hüftbeuger kann Schuld sein

Wenn der untere Rücken quälend schmerzt, liegt die Vermutung erstmal fern, dass die Ursache für die Schmerzen vorne, unterhalb des Bauches, liegen könnte.

Tatsächlich aber können immer mehr chronische Rückenschmerzen auf den sogenannten Hüftbeuger zurückgeführt werden.

Wenn dieser zum Beispiel durch langes Sitzen verkürzt, muss der Rücken das ausbaden.

Wie genau die Beschwerden zustande kommen und was die Faszien damit zu tun haben, erklärt Faszien-Expertin Sabine Barthmann.

Die Rolle der Faszien bei Verspannungen

Sabine Barthmann ist ausgebildete Sport- und Schmerztherapeutin sowie Akupunkteurin mit Spezialisierung für den Rücken.

Seit Jahren fasziniert die Hamburger Rückenspezialistin ein Thema ganz besonders: Faszien.

Faszien sind ein Teil des Bindegewebes, das den Körper wie ein umhüllendes und verbindendes Spannungsnetzwerk durchzieht und darüber alles an Ort und Stelle hält. Ohne Faszien würden Muskeln und Knochen ihre Stabilität verlieren und die Organe frei im Körperinneren umherschwimmen.

Die Faszien können aber noch mehr als das. Inzwischen weiß man, dass das Fasziengewebe auch das größte Sinnesorgan des Menschen darstellt. Es hängt eng mit dem vegetativen Nervensystem zusammen und speichert alles muskulär Erlebte in Form von minimal unterschiedlichen Spannungszuständen.

Um agil und geschmeidig zu bleiben, brauchen Faszien vor allem Bewegung. Wenn ihnen diese zu lange vorenthalten wird, verkleben beziehungsweise verfilzen sie sich.

Genau darin sieht Sabine Barthmann die meisten Ursachen für Rückenschmerzen.

„Faszien sind ein intelligentes Bindegewebe, das sich merkt, welche Körperhaltungen von uns am meisten praktiziert werden. Eigentlich, um uns zu entlasten, legen sie sich als Unterstützung um die von uns am häufigsten gebrauchten Muskelgruppen. Je länger die Muskelanspannung allerdings anhält, desto unelastischer wird das Fasziengewebe darum herum. Dadurch wird dem Muskel der Platz genommen, um sich voll zu entspannen“, erklärt sie.

Wie der Hüftbeuger verkürzt

Im Büroalltag ist Sitzen noch immer die üblichste Körperhaltung, in der man die längste Zeit des Tages über verharrt.

Der Muskel, der diese Position überhaupt möglich macht, nennt sich Hüftbeuger.

Genau genommen zählen dazu eigentlich mehrere Muskeln, die das Hüftgelenk beweglich machen.

Der größte und wichtigste unter ihnen ist aber der große Lendenmuskel, der von den oberen Lendenwirbeln über den Beckenring bis zur Innenseite des Oberschenkels verläuft.

Dieser zweiseitige Muskel sorgt dafür, dass unsere Hüfte die für das Sitzen notwendige Beugung des Oberkörpers zu den Beinen hin einnehmen kann, indem er sich anspannt.

Kommt es allerdings über Stunden hinweg zu keinen Gegenbewegungen, verkleben sich die umliegenden Faszien und der Muskel verkürzt unter der permanenten Beugung.

„Das ist vergleichbar damit, als wenn man den Bizeps stundenlang anspannen würde“, beschreibt die Schmerztherapeutin – eine schmerzhafte und irgendwie bizarre Vorstellung, wenn man sich ausmalt, wie jemand über Stunden hinweg, ohne zwischenzeitliche Entspannung, seine Oberarme im Fitnessstudio stählern sollte.

Doch genau das passiert mit dem Hüftbeuger, wenn man zu lange sitzt.

Will sich der Sitzende dann irgendwann wieder aufrichten und aufstehen, muss der hinten liegende Rückenstrecker besonders stark arbeiten, um gegen den inzwischen unnachgiebig gewordenen Hüftbeuger anzukommen.

Sabine Barthmann erklärt das so: „Die Wirbelsäule nimmt sozusagen die Position einer Wippe ein: Es zieht vorne und hinten. Dieses Zugverhältnis kann auf Dauer für ernsthafte Probleme im Rücken bis hin zu einer Blockade des Kreuz-Darmbein-Gelenks (ISG-Blockade) führen.“

Außerdem verspanne das Gesäß, wenn der Rückenstrecker zu viel Ausgleichsarbeit leisten muss, erzählt sie weiter: „Der Po stellt nämlich den größten Muskel des Rückenstreckers dar. Verspannt dieser zu stark, führt das nicht selten dazu, dass der Ischiasnerv eingeklemmt wird.“

Was hilft gegen verkürzte Hüftbeuger

Vorbeugung ist die beste Medizin: Während eines langen Bürotages oder stundenlangem Sitzen und Lernen in der Bibliothek, solle man darum immer mal wieder aufstehen und genügend Anlässe finden, um sich die Beine zu vertreten.

Außerdem können Faszienrollen und Massagen dabei helfen, die Verklebungen der Faszien zu lösen.

Durch den zusätzlichen Einsatz von Akupunkturnadeln können sogar schon nach kurzer Zeit deutliche Verbesserungen herbeigeführt werden.

Das A und O seien aber Dehnungen, die man regelmäßig auch alleine für sich ausführen könne, ist sich Sabine Barthmann sicher.

Wichtig dabei ist zu wissen, dass erst nach zwei Minuten Dehnen eines Muskels, auch die Faszien mitgedehnt werden. So lange sollte man also mindestens in einer Position verharren.

Dehnübungen für den Hüftbeuger mit Videobeispielen lassen sich inzwischen überall im Internet finden, sodass sich für alle körperlichen Voraussetzungen etwas finden lassen sollte.

Für den leichten Einstieg empfiehlt die Hamburger Faszienspezialistin zum Beispiel folgende einfache Übung:

  • Stell dich gerade hin,
  • lege die Hände auf dem Po ab und
  • strecke dann den Rücken vorsichtig nach hinten.

Dadurch wird genau die Körperpartie gestreckt, die zuvor durch das Sitzen so lange gebeugt wurde.

Um das Spannungsverhältnis im Rücken wieder auszugleichen, bietet es sich an, direkt im Anschluss an die Hüftbeugerdehnung eine Gegendehnung für den Rückenstrecker samt Gesäß auszuüben, z.B. indem man versucht bei geraden Beinen mit den Fingerspitzen die Füße zu berühren.

Das langfristige Ziel sollte schließlich sein, den Rücken durch viele verschiedene Bewegungen undDehnungen allseits geschmeidig zu halten und dafür zu sorgen, dass die Zugkräfte im Hüft- und Rückenbereich ausgeglichen bleiben.

So lassen sich viele Rückenleiden auf Dauer nicht nur eindämmen sondern sogar ganz vermeiden.

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Quellen

  • Liebscher & Bracht: Warum langes Sitzen so gefährlich ist und was du dagegen tun kannst, abgerufen am 08.01.2020: https://www.liebscher-bracht.com/schmerzlexikon/schmerzen-durch-sitzen/gefahren/#
  • Faszien Gesundheit: Was sind Faszien und welchen Einfluss haben sie auf meine Gesundheit?, abgerufen am 08.01.2020: https://faszien-gesundheit.de/was-sind-faszien/

Larissa Hellmund

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