Da war ich baff: Kurz vor Merkel-Treffen änderte Drosten seine Meinung in Lockdown-Debatte

Die Corona-bedingten Schulschließungen wurden und werden kontrovers diskutiert. Lange wollte man bundesweite Schulschließungen um jeden Preis vermeiden. Schließlich wurden sie doch geschlossen. Dabei spielte auch die Meinung von Top-Virologe Christian Drosten eine wichtige Rolle – und die änderte sich kurz zuvor plötzlich.

Langsam kehrt das Leben in Deutschland zurück – Geschäfte, Cafés und Restaurants öffnen wieder. Nur Kitas und Schulen bleiben für viele Kinder weiterhin geschlossen. Fatal für die soziale Gerechtigkeit, sagen Kritiker.

Das sahen auch die Kultusminister der Länder so. Recherchen des "Spiegel" zeigen, dass an der Kultusministerkonferenz am 12. März ungewöhnliche Einigkeit herrschte: Schulen sollten grundsätzlich geöffnet bleiben, in Einzelfällen seien auch Schließungen möglich.

Die parallel dazu stattfinde Ministerkonferenz von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten der Länder kam jedoch zu einem gegenteiligen Ergebnis – auch wenn eine Mehrheit anfangs ebenfalls klar gegen Schulschließungen war. Der Umschwung lag laut "Spiegel" auch an einem 13 Jahre alten Paper, das der ebenfalls anwesende Chef-Virologe der Berliner Charité Christian Drosten vortrug.

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13 Jahre altes Paper sorgte für Umdenken bei Top-Virologe Drosten

Das frei im Internet einsehbare Papier sei ihm kurz zuvor vor einer Kollegin zugeschickt worden: Darin geht es um eine Auswertung von Daten über die Spanische Grippe von 1918 bis 1919 in 43 amerikanischen Städten. Fazit der Studie, von der Drosten auch in seinem NDR-Podcast berichtete: Eine Kombination mehrerer Maßnahmen sei extrem nützlich. "Veranstaltungsstopp und Schulschließungen in Kombination sind extrem effizient – vor allem wenn man das mehr als vier Wochen durchhält. Und dann je früher, desto besser." Die Kollegin hätte zudem von Schülern als "Infektionsbrücken" zwischen einzelnen Altersgruppen gesprochen – eine Gefahr, die Drosten sehr ernst nähme.

Diese Auffassung sei jedoch sehr plötzlich gekommen. Drosten galt anfangs ebenfalls als Befürworter von weiter offenen Schulen. Noch am Tag zuvor hatte er laut Spiegel über Schulschließungen gesagt: "Das bringt nicht so viel."

Nach Kehrtwende von Drosten: "Ich war baff"

Bei der Konferenz dann die Wende. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet soll laut "Spiegel" direkt gefragt haben: "Herr Drosten, Sie haben gestern noch gegen Schulschließungen argumentiert." Der Virologe bejahte – begründete dann aber seine neue Einschätzung mit dem Paper. "Ich war baff. Einer der Hauptakteure gegen die Schulschließungen war plötzlich anderer Meinung", soll einer der Ministerpräsidenten heute darüber sagen.

Viele Länder waren laut "Spiegel" dennoch zurückhaltend. Doch auf Drängen des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder und Drostens Aufforderungen seien sie in Argumentationsschuld gekommen. "Plötzlich mussten sich nicht mehr diejenigen rechtfertigen, die schließen wollten, sondern die, die dagegen waren", schilderte ein Teilnehmer dem Nachrichtenportal. Die Folge: Schulschließungen in allen Bundesländern.

Drosten erklärt heute, er habe lediglich empfohlen, die aktuelle Lage zu beobachten und bei Bedarf über regionale Schulschließungen zu entscheiden.

Heute ist zudem klar, dass der Vergleich mit der Spanischen Grippe nur bedingt auf das Coronavirus anwendbar ist. Denn Kinder scheinen weniger anfällig zu sein als Erwachsene. Doch noch immer gibt es Unklarheiten, welche Rolle sie tatsächlich bei einer Ausbreitung spielen können.

Wie gefährlich sind Kinder bei der Corona-Verbreitung?

Auch eine Studie von Christian Drosten sorgte später für Wirbel. Pünktlich zur Debatte um einen möglichen Weg aus dem Lockdown Ende April, veröffentlichte der Virologe mit seinen Kollegen eine "Blitzstudie", wie er selbst sagt. An der Studie hatten andere Wissenschaftler Kritik geübt, weil die Methoden, die für die statistische Auswertung herangezogen worden waren, dafür nicht komplett geeignet gewesen seien.

Daraufhin überarbeiteten die Charité-Forscher ihre Analyse, räumten selber ein, dass die statistischen Methoden grob gewesen seien und veröffentlichten Anfang Juni eine zweite Fassung . Die zentrale Erkenntnis blieb allerdings dieselbe: Es gebe keine Hinweise darauf, dass Kinder in Bezug auf Sars-CoV-2 nicht genauso ansteckend seien wie Erwachsene.

"Der Nichtbeleg einer Anti-These wurde in der Politik schnell zur These", resümiert der "Spiegel". Auch die Angst vor Kindern als Infektionsbrücken hielt sich weiterhin hartnäckig – und hatte weitreichende Folgen für viele Kinder, die noch immer nicht zur Schule gehen.

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Neue Studie aus Stuttgart

Neue Erkenntnisse hat nun eine Studie aus Baden-Württemberg geliefert: Kinder stecken sich der Studie zufolge seltener mit dem Coronavirus an als ihre Eltern. Sie seien daher nicht als Treiber der Infektionswelle anzusehen, sagte Klaus-Michael Debatin, Ärztlicher Direktor der Kinderklinik am Universitätsklinikum Ulm, zum Ergebnis der Untersuchung, die am Dienstag (16. Juni) in Stuttgart vorgestellt wurde.

Allerdings bleibt die Frage danach, wie infektiös Kinder sind, weiterhin offen. Man habe mit der Studie nicht gezielt untersucht, wie infektiös Kinder sind, erklärt Hans-Georg Kräusslich, Sprecher des Zentrums für Infektiologie am Universitätsklinikum Heidelberg. Man könne bei den positiv getesteten Eltern-Kind-Paaren keine grundsätzliche Aussage darüber treffen, wer wen angesteckt hat.

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