Frau spricht über Psychose: Dachte, ich bin die Nichte von John F. Kennedy

Jeder nimmt die Welt um sich auf seine eigene Art wahr. Manche auf eine sehr eigene. Wie Christiane Wirtz, die sich sicher war, die Nichte von John F. Kennedy zu sein. Wie sie mit der Psychose lebt, beschreibt sie für FOCUS Online.

Eine der typischsten Szenen: Ich sitze im Sommer 2013 auf dem Kölner Friesenplatz, bin der Ansicht, ich sei die Nichte von John F. Kennedy und die Tochter von Mick Jagger, außerdem warte ich auf einen diffusen Mann, von dem ich nicht weiß, wer er ist und wie er aussieht.

Ich habe mich aufgedonnert, stehe da in einem hellblau-seidenen Etuikleid, und spaziere in hohen Schuhen über das Pflaster. Ich versuche, aus dem Weg, den die turtelnden Tauben vor mir beschreiten, eine Botschaft herauszulesen. Ich harre in der heißen Sonne aus, ich bringe eine engelsgleiche Geduld dafür auf, dass meine Wahnvorstellungen sich irgendwie doch noch bewahrheiten. Ich lasse Stunde um Stunde verstreichen, bis der Abend und die Nacht kommen. Jetzt habe ich die Eingebung, weil sich Sterne am Himmel zeigen, das Firmament öffne sich, mein Vater (Mick Jagger) komme mit einem Raumschiff, um mich abzuholen.

Ich wollte nicht einsehen, das etwas nicht stimmt

Natürlich passiert nichts, so wie vorher auch kein Mann vorbei gekommen ist, jedenfalls hat sich keiner als solcher zu erkennen gegeben.

Diesen Zustand, in dem ich mich vor knapp fünf Jahren befunden habe, nennt man eine Psychose . Gängiger ausgedrückt: Ich war verrückt, fast zweieinhalb Jahre lang. Und das Ende kam brutal: In der geschlossenen Abteilung einer Kölner Psychiatrie. Ein paar Tage, nachdem ich Medikamente genommen hatte, wurde mir schlagartig klar, in welcher Situation ich mich wirklich befand: ohne Job, mit einer zwangsversteigerten Eigentumswohnung, in der ich nur noch wenige Tage bleiben konnte, ohne meine Lebensversicherung, denn die hatte ich in Bargeld umgesetzt.

Viele Freunde und Bekannte hatten sich von mir abgewandt. Wegen der Absurdität meiner Vorstellungen und  Äußerungen. Aber viele Menschen, die sich um mich Sorgen gemacht hatten, waren auch nicht an mich heran gekommen. Ich hatte partout nicht einsehen wollen, dass etwas mit mir nicht stimmte. Die Ärzte konstatieren: mangelnde Krankheitseinsicht. Doch das gehört eben genau zum Krankheitsbild. 

Mit Stigmatisierungen, Scham- und Schuldgefühlen behaftet

Nun könnte man ja fast denken, ich sei auch jetzt noch verrückt, in der Öffentlichkeit solche peinlichen Details über mich selbst darzulegen. Doch ich habe einen Grund: Ich glaube, dass das Thema Psychosen leider mit unglaublich viel Stigmatisierungen, Scham- und Schuldgefühlen behaftet ist. Das habe ich persönlich erfahren, das wird aber auch wissenschaftlich bestätigt. Eine Untersuchung der Universität Greifswald aus dem Jahr 2011 etwa sagt folgendes: Über die Hälfte der Befragten würde es ablehnen, einen Menschen mit Schizophrenie einem Freund vorzustellen (53 Prozent), ihn für einen Job zu empfehlen (63 Prozent), ihn als Mieter zu akzeptieren (58 Prozent), oder in der Familie (60 Prozent), 79 Prozent lehnen es ab, ihm die Betreuung seiner Kinder anzuvertrauen. 49 Prozent der Befragten sagen, dass sie sich in Gegenwart eines an Schizophrenie erkrankten Menschen unwohl fühlen, 37 Prozent haben Angst vor ihm.

Unterstützung erhalten Betroffene und Angehörige zum Beispiel bei Psychose-Früherkennungszentren in verschiedenen Städten in Deutschland: https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/psychiatrie-psychosomatik-psychotherapie/stoerungen-erkrankungen/psychosen/links-frueherkennungzentren/

Betroffenen und ihren Angehörigen verständliche Orientierung bieten, möchte zudem die Website Psychose.de des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, zu finden unter dem Link.

Ich glaube, dass eine weitere Diskussion über psychische Krankheiten, die auch die besonders schwierigen Diagnosen „Schizophrenie“ und „bipolar“ mit einschließt (das sind die Krankheiten, die mit Psychosen einhergehen) heilsam sein könnte. Sowohl für die Betroffenen als auch für die Gesellschaft. Durchschnittlich ein Prozent der Bevölkerung leiden weltweit an Schizophrenie, hinzu kommen als passiv Betroffene Familie, Freunde und Bekannte.  Das dürften in Deutschland Millionen Menschen sein, die sich selbst- oder fremdschämen, und das ist auf Dauer keine gute Situation.

Ich habe die Krankheit als Teil meines Lebens angenommen

Eine solche Diskussion, die erst einmal über die Krankheit informiert, könnte auch Forderungen zur Folge haben: dass die Betroffenen eine individuellere Hilfe erfahren, dass sie nicht ausgegrenzt werden und abgeschoben, dass Therapeuten eine bessere Ausbildung erhalten und psychiatrische Kliniken mehr Geld . Aber bis es dazu kommt, freue ich mich erst einmal, dass ich die Gelegenheit hatte, ein Buch zu schreiben, um mein Anliegen noch deutlicher zu machen oder über die Möglichkeit, über diesen Artikel Ihr Interesse für das Thema zu wecken.

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Natürlich freue ich mich auch, dass es mir wieder besser geht und ich weitgehend in der Realität angekommen bin und zwar im Wesentlichen positiv gestimmt. Ich bin zwar noch nicht ganz dort, wo ich einmal war oder wo ich hin möchte, aber auf einem guten Weg. Ich habe einen Job, arbeite als Coach, bin stabil und konnte einige Freundschaften wiederbeleben. Ich nehme Medikamente, auch wenn sie mit belastenden Nebenwirkungen verbunden sind und bin in der Lage, das im Moment zu akzeptieren. So wie ich grundsätzlich die Krankheit als Teil meines Lebens angenommen habe – der aber hoffentlich der Vergangenheit angehört. 

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