Virologe warnt vor Mutations-Panik: Nichts Sensationelles, sondern ganz normal

Bis 2016 leitete Detlev Krüger die Virologie an der Berliner Charité. In einem aktuellen Interview spricht der 70-Jährige über die deutsche Corona-Politik. Er kritisiert das Vorgehen von Politik und Medien und warnt davor, zu panisch mit Virus-Mutationen umzugehen.

Der Lockdown wird in Deutschland bis zum 7. März verlängert: Das verkündete Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Mittwoch nach stundenlangen Beratungen mit den Länderchefs. Über diesen Schritt sprach die "Welt" mit Detlev Krüger, der jahrelang das Institut für Virologie an der Berliner Charité leitete. "Die Entscheidung hat sicher mit der Angst zu tun, dass die Viruspandemie in Deutschland noch nicht vollständig unter Kontrolle ist. Mutig wirken die Beschlüsse nicht", sagt er.

Surftipp: Alle Neuigkeiten zur Corona-Pandemie finden Sie im News-Ticker von FOCUS Online 

Virologe warnt vor Kollateralschäden: "Führt zu ernst zu nehmenden Problemen"

Gleich in mehreren Punkten kritisiert Krüger das Vorgehen der Politik. Er spricht unter anderem Kollateralschäden an, die seiner Meinung nach nicht hinreichend berücksichtigt würden. "Wenn Tumorpatienten nicht mehr operiert werden können – in der ersten Welle war das nach Angaben der Deutschen Krebsgesellschaft bei 50.000 der Fall – wenn die Suizidrate steigt und wenn Kinder vernachlässigt werden, dann führt das zu ernst zu nehmenden Problemen", sagt er im Gespräch mit der "Welt". 

Auch der Psychiater Mazda Adli, Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin und Leiter des Forschungsbereichs Affektive Störungen der Berliner Charité, wies gegenüber dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland" auf die hohen psychischen Belastungen der Corona-Krise hin. "Die Rate an Angst, Depressivität und Erschöpfung hat in Deutschland, aber auch in anderen Ländern zugelegt", erklärte er im Dezember vergangenen Jahres. Dass Krebspatienten im ersten Lockdown nicht hinreichend versorgt wurden, zeigen OP-Zahlen: Zehntausende Eingriffe wurden im vergangenen Jahr wegen Corona verschoben.

Krüger spricht sich daher für eine Lockdown-Bilanz aus. Seiner Meinung nach hätte die Politik nach dem ersten Shutdown abwägen sollen, "welchen Schaden und welchen Nutzen die einzelnen Anti-Corona-Maßnahmen bewirkt haben". Denn letztlich würden alle dasselbe Ziel verfolgen: Einen möglichst geringen Schaden für unsere Gesellschaft. Die Einschränkung von Freiheitsrechten sowie die Wohlstandsreduktion durch die steigende Arbeitslosigkeit würden sich letztlich negativ auf die Gesundheit der Menschen auswirken.

  • Lesen Sie auch: 27-jähriger Hochrisikopatient – Adrian hängt am Beatmungsgerät – in Spahns Impf-Plan ist für ihn trotzdem kein Platz

Krüger rät von Mutationspanik ab: "Nichts Sensationelles, sondern ganz normal"

Doch für Krüger gibt es noch weitere Abstriche in Sachen Pandemie-Management. Er sagt: Die Politik fokussiert sich zu sehr auf mögliche Corona-Mutationen. Dass sich ein Virus verändert, ist laut dem Experten "nichts Sensationelles, sondern ganz normal". Die britische Variante sei beispielsweise nicht tödlicher als andere Corona-Formen, außerdem würden die derzeitigen Impfstoffe gegen die Mutante wirken. Krüger weist zudem darauf hin, dass die "'secondary attack rate', also die Rate, die ausdrückt, wie viele Kontaktpersonen ein infizierter Mensch durchschnittlich ansteckt" bei der Briten-Mutation lediglich 15 Prozent betrage. Bei "normalen" Corona-Infizierten liegt sie bei 11 Prozent.

Insgesamt ruft der 70-Jährige zu mehr Gelassenheit im Umgang mit der Virus-Krise auf. Er bemängelt das Vorgehen von Politik und Medien, die "der Meinung zu sein [scheinen], dass die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus am besten eingehalten werden, wenn auch Angst in der Bevölkerung erzeugt wird". Der Virologe hält eine solche Strategie für problematisch. Denn: In einer aufgeklärten Gesellschaft könne man Menschen "auch durch sachliche Informationen zu ordentlichem Verhalten bewegen", erklärt Krüger. "Man sollte Respekt vor diesem Virus haben, aber Angst ist völlig fehl am Platz", sagt er.

Krüger kritisiert auch Virologen: Schauen "nicht über den Tellerrand"

Tatsächlich erkennt der Ex-Charité-Forscher auch bei einem Teil seiner Wissenschafts-Kolleginnen und -Kollegen mangelnde Weitsicht. Einige Virologen würden nur selten "über den Tellerrand" blicken und sich zu sehr auf das molekulare Virus konzentrieren. Doch wie kann man dieses Problem lösen? "Ich glaube, dass man die gesamte Lage, nicht nur Ausschnitte in den Blick nehmen muss. Es muss besser analysiert werden, welche Maßnahmen des Lockdowns überhaupt eine Auswirkung auf die Reduktion der Virusübertragung haben", meint Krüger.

Trotz aller Kritik glaubt er aber, dass wir in einem Jahr deutlich besser dastehen werden. Zwar wisse man noch nicht, wie lange der Impfschutz halte, Krüger geht aber von einer "deutlichen Reduktion des Krankheitsgeschehens" aus. Er sagt: "Das Coronavirus wird künftig auf einem niedrigen Niveau kursieren, und wir werden damit leben können."

Was ist mit Merkel los? Nach fehlendem Rückhalt der Länderchefs ist Kanzlerin beleidigt

FOCUS Online Was ist mit Merkel los? Nach fehlendem Rückhalt der Länderchefs ist Kanzlerin beleidigt

Vereiste Scheiben? Mit einem Haushaltstrick verschwindet der Frost im Handumdrehen

Bit Projects Vereiste Scheiben? Mit einem Haushaltstrick verschwindet der Frost im Handumdrehen

Quelle: Den ganzen Artikel lesen